Kreise

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Kreise

Seit vier Wochen beginnen die Schüler der Taijiquan-Schule den Unterricht mit einer ganz speziellen Übung: Sie sitzen vor einem Stück leeren Papier, halten einen Graphitstift in der Hand und beim ersten Ton einer Klangschale beginnen sie Kreise zu malen. Ohne den Stift abzusetzen wird ein Kreis oder eine runde Form auf das Papier gebracht. Die Form soll nicht alleine aus der Hand entstehen, sondern aus der Schwingung des ganzen Körpers. Geübt werden die Taiji-Qualitäten rund, weich und fließend.

Kreise
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Der Geist wird ruhig und entspannt und das gleichmäßige Geräusch der Stifte auf dem Papier lässt uns die innere Ruhe spüren. Beim zweiten Ton der Klangschale setzen wir aus unserer Empfindung heraus einen Akzent. Vielleicht einen Strich, einen Schnörkel, eine Schleife. Dadurch treten wir in den Kreis oder aus ihm heraus und kehren in die Leere zurück. Die Stifte werden zur Seite gelegt und wir betrachten unsere Arbeit.

Kreise
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Eine Reihe spezieller Qigong-Übungen beendet die Übungssequenz. Beim anschließendem Praktizieren der Taijiform bemerken wir, dass unsere Bewegungen runder, weicher und fließender geworden sind.

8 Kommentare

  1. Die Klangschale ertönt.

    Wir malen Kreise im Unterricht. Es passt auch zu unserem Semestermotto: In der Mitte sein. Auf dem Boden kniend beginne ich mit der ersten runden Linie und ich fahre sie einige Male nach, finde einen Rhythmus und dann lasse ich innerlich los. Was meine Hand zu Papier bringt setzt sich äußerlich als Bewegung fort, mein Körper schwingt sich mit der Armbewegung ein. Langsam beginnt auch mein Atem tief und gleichmäßig zu fließen. Meine ganze Aufmerksamkeit ist auf mein Tun gerichtet. Unnütze Gedanken verblassen, fallen schließlich ganz weg und ich bin im Hier, bei mir und meinem Kreis, einfach in meiner Mitte. Wie ein Kieselstein der langsam, Kreise bildend auf den Grund sinkt.

    Die Klangschale ertönt ein zweites Mal.

    Wir haben Zeit das Entstandene zu betrachten und ich versenke mich nochmals in meinen Kreis, lasse die vielen Linien und ihre Dynamik auf mich wirken und versuche noch einen Augenblick alle Gedanken fernzuhalten. Betrachten ohne zu bewerten, ohne zu urteilen.

    Ich habe gemalt voller Hingabe.

    Etwas zieht aus geht einen Weg und findet sich am Ende wieder. Oder am Anfang? Die Punkte verschmelzen und ich stelle fest, es gibt weder einen Anfang noch ein Ende. Der Kreis als Sinnbild für das Beständige, Vollkommene, für die Ewigkeit. Für den Kreislauf des Lebens. Ich beginne die Handform zu laufen. Langsam begreife ich wie alles zusammenhängt, ineinander greift. Der Kreis als Sinnbild für die Formen des Taijiquan. Ich folge dem Impuls, den das Malen mir gegeben hat und laufe die Form mit einer ganz neuen Sensibilität. Ich nehme das Wechselspiel der polaren Kräfte von Yin und Yang wahr und wie sie einander bedingen. Beide zusammen als ein harmonisches Ganzes sind in sich geschlossen, bilden einen Kreis.

    Wie einfach es manchmal ist. Da ist Papier und da ist ein Stift und ich male Kreise. Ich laufe die Form voller Hingabe und ziehe meine Kreise aus meiner Mitte heraus. Diese Augenblicke leuchten und ich bewahre sie tief in mir.

  2. Ich ziehe einen Kreis.
    Wie lange schon? Ich weiß es nicht.
    Ich ziehe einen Kreis.
    Wie lange noch? Ich weiß es nicht.
    Ich ziehe einen Kreis.
    Und wer bin ich? Ich weiß es nicht.
    Ich bin der Kreis.

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  3. Vielleicht – oder eher wahrscheinlich – bin ich einfach ein zu nüchtern und real denkender Mensch. Ich muss vorher verstehen, was eine Übung wie das Ziehen der Kreise bedeutet oder für was es Ausdruck sein soll. Aber noch mehr, ich muss dieses dann für mich akzeptieren und daraus den Wunsch und den Willen entwickeln eine solche Übung auch entsprechend umzusetzen. Diese Akzeptanz war bei mir nicht vorhanden, insofern habe ich von dieser Übung nichts profitiert.

    Mein Verständnis des Taijiquan, dessen Philosophie und der entsprechenden Geisteshaltung ist davon unberührt. Daß es für mich in diesem Zusammenhang auch weiterhin üppig Platz für das „Erkennen“ und der geistigen Fortentwicklung gibt, ist selbstverständlich. Ein „Auslernen“ wird es mit Sicherheit nie geben. Schon allein diese Erkenntnis ist für mich Motivation und Antrieb.

  4. Ich habe mich beim Kreise malen für die liegende Acht entschieden – die Freiheit durfte man sich nehmen.

    Was nehme ich eigentlich wahr, wenn ich so meine Achterrrunden drehe?

    Die Übungen waren für mich spannende Entdeckungsreisen zu mir selbst. Jedes mal waren es andere Eindrücke und Erfahrungen, die ich gewonnen habe. Während ich mich immer mehr in die Entspannung malte, konnte ich mich selbst immer besser wahrnehmen.

    In der ersten Übung setzte gleich ein totales Wohlgefühl ein: runterfahren. Den Trubel des Tages in ein anderes Tempo transformieren. Und mit zunehmender Entspannung veränderte sich auch mein Zeichentempo. Anfänglich raste mein Stift über das Papier, doch dann verlangsamte ich das Tempo immer mehr. Schließlich ließ ich den Stift genüsslich durch die Kurven gleiten und dann mit Schwung über die Mitte in die gegenüberliegende Kurve hineinschwingen. Ich hatte richtig Spaß bei dieser Übung und in meinem Kopf kam Ruhe in das Gedankengewimmel. Zum Schluss hätte ich noch stundenlang sitzen bleiben können. Auffallend war hinterher, dass ich die Form mit viel Achtsamkeit und Körperbewusstheit laufen konnte.
    Bei den darauffolgenden Übungen hatte ich andere Wahrnehmungen. Auch wenn das äußere Arrangement immer gleich war, so ging ich dennoch jedes mal in einer anderen Gestimmtheit in die Übung. Das finde ich wunderbar – kein Augenblick gleicht dem anderen.

    Mal achtete ich besonders auf die Geräusche. Da hörte ich ein schlapp-schlapp von links neben mir und ein ch-ch-ch von rechts und hinter mir klang es nochmal anders. In mir machte sich ein Grinsen breit. So erheiternd kann diese Übung sein!

    Beim letzten mal rückten im Laufe der Übung die Bewegungen von rechts und links in meinen Fokus. Ich verfolgte aus den Augenwinkeln heraus die Kreisbewegungen meiner Nachbarn, während ich selbst meine Bahnen zog. Da machte ich eine tolle Erfahrung: obwohl jeder in einem anderen Tempo malte und die Stifte nicht synchron übers Papier liefen, hatte ich das Gefühl von Gleichklang. Und bei mir stellte sich ein tiefes Gefühl von Geborgenheit in der Gemeinschaft ein.

    Herzlichen Dank an Heinz Günter und an alle aus meiner Gruppe.

  5. Die Texte zu dieser Übung haben mich ungemein berührt! Besonders der von dir, liebe Johanna. Auch wenn ich diese Übung selbst noch nicht praktiziert habe. Klang, Form, Farbe, alles scheint am Ende doch eines zu sein …

    Ich denke, es ist ein großes Geschenk, diese Freiheit einmal auskosten zu dürfen. 10 Minuten Kreise malen!

    Wie unglaublich schwer es doch scheint, sich selber diese Aufgabe zu stellen und sie alleine für sich in seinem Kämmerchen durchzuführen. Denn diese Übung, denke ich, bedeutet auch Begegnung. Begegnung mit sich selber. Und die ist manchmal nicht so einfach …

    Also weiterhin wünsche ich euch runde Kreise.
    Fee

  6. Das erste Mal bin ich sehr überrascht – liegen doch da tatsächlich lange, weiße Papierbahnen am Boden, sorgfältig ausgelegt, im großen Raum. So ganz unerwartet und fragend liegen sie da … unbeschrieben – fast unschuldig und rein … Da ich Überraschungen liebe, kann ich es kaum erwarten, mich bedächtig hinzusetzen und den Stift zu halten … ganz gespannt warte ich … auf das Startsignal der Klangschale … Auf die Plätze, fertig – los!

    So ganz ungezwungen, lebendig und losgelöst … welch eine Freude, die Kreise zu malen … anfangs ziemlich schnell … dann immer langsamer, bis ich meinen inneren Rhythmus gefunden habe … ohne Druck, ohne Bewertung, ohne Erwartung … Ich fange in der Mitte an – so ganz vorsichtig – einen kleinen, lustigen Kringel zu zeichnen, er wächst und wird vor meinen Augen immer größer, dehnt sich aus – jetzt werde ich mutig und beginne etwas fester auf das Papier zu malen … mein Kreis verändert sich, wird immer stärker und größer … ich fühle, dass ich mich mit meinem Kreis ausdehne und meinen Weg zeichne. Oje –einmal war mein Stift zu fest auf dem Papier – wenn der Druck zu groß wird – reißt das Lebenspapier … mit dieser Erkenntnis entschleunige ich mich – bin wieder etwas vorsichtiger … und konzentriert … Wunderschöne, innere Bilder entstehen, Gedanken kommen und gehen, alles kreist und ist wohltuend weich und rund … alles in mir und um mich herum fängt an zu fließen … so als gäbe es kein Innen und Außen … es braucht gar nicht so viel, um bei sich anzukommen … es braucht etwas Zeit und Aufmerksamkeit und die eigene Wertschätzung etwas für sich zu tun … ich spüre, dass alles Wesentliche und Lebendige aus der Mitte heraus entsteht, in der Mitte bin ich in meiner wahren Kraft, ich spüre, dass Zeit eine Illusion ist, es gibt kein Anfang und kein Ende … alles ist im ewigen Kreislauf miteinander verbunden … Diese wunderbare Erkenntnis kann ich jetzt auch in der Form fühlen … ich hebe am Anfang der Form meine Hände in reinem Bewusstsein und kann das ganze Universum spüren. Für diese tiefgreifende Erfahrung bin ich sehr dankbar …

    Vielen Dank von ganzem Herzen an Heinz Günter

  7. Einen Kreis malen. Nicht nur mit der Hand, sondern mit dem ganzen Menschen. Mein Oberkörper bewegt sich beim Malen auch in diesem Kreisen und ich stelle fest, es ist ein vor- und zurückgehen, wie unsere Übungen in Taiji. Es ist wie geben und nehmen, wie einatmen und ausatmen. Viele Linien (Fäden) sind es, die von meiner Hand ausgehen und diesem Kreis eine Form geben. Das Gesetz der Wechselwirkung besagt, dass alles, was man aussendet, wieder zu seinem Ursprung zurückkehrt. Worte, Gedanken und Taten. Gutes oder Schlechtes. Das ist der Kreislauf des Lebens.
    Es ist so einfach.
    Danke

  8. Kreise malen in Taichi –
    einfach nur einen Kreis –
    kein Kunstwerk, kein besonderes Gebilde –
    einen einfachen fortlaufenden Kreis –
    wirklich nur einen Kreis?
    oder doch was besonderes?

    Ich bemerke, wie der Wille gerne etwas ganz Eigenes schaffen möchte, in dem mein „Ich“ zu erkennen ist, aber wie unter einem gewissen Druck dies oder das probiert. Und dabei ist es so wohltuend – einfach nur einen Kreis zu malen und zu spüren, wie sich die Bewegung der Hand im Körper fortsetzt und dort eine ruhige Gelassenheit hervorruft, die mich in meine Mitte führt: einfach nur sein

    ich will nicht mehr und nicht weniger: einfach nur sein, in der Mitte sein.

    Ich freue mich über mich selbst, vielleicht ist es ja auch Liebe zu mir selbst, wenn ich aus dieser Mitte heraus Taichi mache – oder auch etwas anderes.

    Eine wertvolle Erfahrung.