Wandlung

am

Heinz Günter Saemann

Liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Freundinnen und Freunde des Taijiquan,

das Schöpferische und das Empfangende sind die polaren Gegensätze, auf denen das Leben beruht. Durch ihre stete Wandlung wird das Leben jederzeit neu erzeugt. Wir leben mit dem Wandel der Jahreszeiten, in denen die Natur ihr Erscheinungsbild dauernd verändert. Auf Zeiten des Wachstums und der Fülle folgen Zeiten des Rückzugs und der Ruhe. Ohne diese Veränderung könnte sich das Leben nicht mehr äußern. Stillstand und Starre wären die Folgen. Zugegeben, Zeiten der Wandlung sind häufig schmerzhaft, führen uns an unsere Grenzen und lassen uns verzweifeln. Wir können gegen Veränderungen ankämpfen, dabei erstarren und uns in die Dunkelheit der Hilf‌losigkeit begeben, in die kein Lichtstrahl dringt. Oder wir lassen los, akzeptieren sie als einen natürlichen Prozess und nehmen sie als Chance zu unserer Weiterentwicklung wahr. Aus dem Ei eines Schmetterlings schlüpft eine Raupe, die bis zur ihrer Verpuppung, selbst gefräßig, immer Gefahr läuft, gefressen zu werden. Im Kokon findet eine unglaubliche Veränderung statt, an deren Ende ein buntes Wesen sich in die Lüfte erhebt.

Im Taijiquan lernen wir zunächst einen Bewegungsablauf und dessen Richtung. Wir lernen, unsere Arme und Beine zu verbinden und zu koordinieren. Ein Raumgefühl entsteht. Danach werden die Bewegungen weicher und geschmeidiger ausgeführt. Wir kommen in den Fluss. Durch das Verständnis von Yin und Yang bringen wir uns in eine harmonische Schwingung, die unser ganzes Wesen durchdringt. Dieser Prozess setzt sich von außen nach innen fort. Die Bewegungen werden im Außen kleiner, doch im Innern größer. Die Vorstellungskraft entwickelt sich. Am Ende löst sich alles auf. Das Selbst, die Form. Der Übende folgt dem natürlichen Fluss. Im Innen wie im Außen.

Ich wünsche euch Schmetterlingsflügel und dass die Wandlung euch zu lichten Höhen führt.

Heinz Günter

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