Leere

am

Heinz Günter Saemann

Liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Freundinnen und Freunde des Taijiquan,

vor neun Jahren saß Meister Yang Zhen He nach dem Frühstück in unserem Wohnzimmer und brachte fünf Kreise aufs Papier. Anhand seiner Zeichnungen erklärte er mir den Weg des Taiji. Seit dieser Zeit beschäftige ich mich mit den fünf Kreisen. Und nach und nach erschließt sich mir ihre Bedeutung. Das kleine Yin und das kleine Yang des dritten Kreises faszinieren mich im Moment am meisten. Durch sie werden Yin und Yang harmonisiert, beide Kräfte fließen ineinander über, ergänzen sich, werden lebendig und sind in ständiger Bewegung. Beim Üben der Taiji-Formen öffnet sich mir mithilfe der Idee des dritten Kreises für einen Augenblick ein Raum der Stille und Leere, aus dem heraus sich Yin und Yang erneut schöpferisch und kreativ entfalten. Ich empfinde, dass im Flügelschlag eines Schmetterlings Unendlichkeit liegt, deren Fülle und Möglichkeiten aus der Leere entstehen.

Unser Leben wandelt sich stetig und manchmal erreichen wir einen Punkt, an dem wir Stille und Leere spüren. Doch statt auf ihre Schöpfungskraft zu vertrauen, überdecken wir sie mit unzähligen Aktivitäten, die uns oft aus dem äußeren und inneren Gleichgewicht bringen. Täglich begegnen wir Situationen und Menschen, benutzen das Internet mit seinen scheinbar unendlichen Informationen. Flexibilität, Mobilität und das Gefühl, jederzeit erreichbar sein zu müssen, erweitern nicht unseren Horizont, sondern engen uns immer mehr ein. Wir sind zu unseren eigenen Zeitdieben geworden. Das Zuviel an äußerer Aktivität führt zu innerem Stillstand.

Warum nehmen wir uns nicht die Zeit für die wichtigste Begegnung in unserem Leben? Der Begegnung mit uns selbst. Um das große Ganze zu verstehen, muss unsere Aufmerksamkeit auf die kleinen wesentlichen Dinge gerichtet sein. Erst die in beiden polaren Energien vorhandenen Gegensätze helfen uns, im Außen und im Innen lebendig zu sein. Der dritte Kreis ist ein Schlüssel dazu.

Möge das Taijiquan auch weiterhin unser Leben bereichern.

Heinz Günter

1 Kommentar

  1. Hallo Harri,
    danke für die schönen Anregungen und Gedanken. Du lenkst bewusst seit einiger Zeit einige Deiner Schüler in die Richtung des dritten Kreises. Dafür ein aufrichtiger und herzlicher Dank. Aus Berichten und Deinen Erzählungen weiß ich, dass dies nicht in allen Schulen und bei allen Lehrern selbstverständlich ist. Es ist, zugegebenermaßen, manchmal anstrengend, aber auf jeden Fall lohnend. Ich habe den Unterricht noch nie als so anregend und „gehaltvoll“ erlebt wie jetzt.
    Gruß Dieter