Die fünf Wandlungsphasen im Erlernen des Taijiquan

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Meister Yang Zhen He praktiziert seit 56 Jahren Yang-Stil und Wu-Stil Taijiquan. Er ist Autor mehrerer Fachbücher in chinesischer Sprache und erforscht seit Jahren das innere Wesen des Taijiquan. Im Rahmen des diesjährigen kulturellen Austausches der Yongnian Taijiquan Association China mit der Taijiquan-Schule Ortenau stellte er seine Forschungsarbeit über die fünf Wandlungsphasen des Taijiquan vor. Der vorliegende Text ist eine Mitschrift der Vorlesung, die uns Simone Stephan zur Verfügung stellt. Ich möchte Meister Yang für die Weitergabe seines Wissens danken, ebenso bedanke ich mich bei Thomas Strube, dem unermüdlichen Übersetzer und Simone für ihren Fleiß, Meister Yangs Worte aufs Papiergebracht zu haben.

Der erste Kreis – Struktur und Orientierung

Erster Kreis

Am Beginn eines jeden Lernprozesses steht immer die klare Struktur. Sie dient der Orientierung. Der Erwerb der Struktur ist unerlässlich. Im Taijiquan bedeutet die Struktur die Einheit von Öffnen und Schließen. Sichtbar wird die klare Struktur durch die beiden orthogonal zueinander angeordneten Quadrate, die über den Kreis gelagert sind. Die Bewegung erfolgt aus dem Quadrat hin zum Kreis. Die Eckpunkte der beiden Quadrate symbolisieren die acht Bewegungsrichtungen. Wo immer ein Schließen stattfindet, muss andernorts ein Öffnen geschehen und umgekehrt. So entsteht ein stetiges Zusammenspiel – eine Bewegung bedingt die andere. Wenn eine Bewegung schließt, beginnt gleichzeitig eine öffnende Bewegung an anderer Stelle. Sie beginnen und enden gleichzeitig und fließen gemeinsam. Es entsteht eine klare Unterscheidung von »voll« und »leer« und dennoch müssen alle Körperteile untereinander verbunden sein. Befindet man sich in diesem ersten Lernabschnitt, so ist die Lernaufgabe, das Quadrat zu verstehen, die korrekten Richtungen, die korrekte Stellung zu finden. Erst wenn das Quadrat sehr klar ist, kann sich allmählich die Rundung des Kreises entwickeln. Es geht um die Verwandlung von Erzeugen und Kontrollieren – eine Bewegung erzeugt eine andere. Stetig transformieren öffnende und schließende Bewegungen einander. Die Bewegung ist nur die äußere Form zu dem Zweck, die inneren Fertigkeiten zu entwickeln.

Der zweite Kreis – Bewusstheit für die Gegensätzlichkeit

Zweiter Kreis

Dieser Lernabschnitt ist der Verfeinerung der klaren Unterscheidung von »voll« und »leer« gewidmet. Das langfristige Ziel ist die Entwicklung langer Kraft. Die Klarheit dient der Entwicklung der einzelnen Körperkräfte. Es erfordert eines langen Übens, um das Erlernte kurz verwenden zu können. Die stetige Übung im zweiten Kreis fördert eine hohe Beweglichkeit der einzelnen Körperteile. Der Kreis setzt sich nun zusammen aus dem Gegensatz eines großen Yin und großen Yang. Während dieser Lernzeit muss die Bewegung den ganzen Körper durchdringen. Dies hilft, den Geist zu konzentrieren, dass sich die Bewegung bis hinein ins Knochenmark manifestiert. Arbeitet man mit einem Gegenüber, so bedingen dessen Bewegungen die Bewegung des Übenden selbst.

Der dritte Kreis – Integration

Dritter Kreis

Im dritten Kreis ist in jeder großen Bewegung des Öffnens auch eine kleine Bewegung des Schließens enthalten und umgekehrt. Die zuvor erworbene Klarheit des ersten Kreises verliert sich in der Verschmelzung – die Bewegung wird wahrhaftig! Bewegungen nach unten beinhalten eine kleine Bewegung nach oben, solche nach rechts haben etwas von einer Bewegung nach links inne usw. Diese Verschmelzung, die Ergänzung der kleinen gegensätzlich gefärbten Kreise im jeweils großen Yin und Yang, wird einfach, wenn der Körper möglichst weit geöffnet und weich ist. Die so entstehenden Bewegungen ähneln denen eines angreifenden wilden Tieres – auch bei der im Sprung begriffenen Raubkatze lässt sich in der Vorwärtsbewegung, im Sprung nach oben, gleichzeitig etwas von einer rückwärts und nach unten gerichteten Bewegung wahrnehmen. Das Lernen dieses Abschnittes ist darauf ausgerichtet, die Bewegungen des Anderen zu erahnen und aufzugreifen, um feinfühlig darauf die eigenen Bewegungen abzustimmen. Ziel ist es, Harmonie zwischen Himmel, Erde und Mensch zu erlangen. In allen Anteilen ist etwas von dessen Gegensatz enthalten: Im Innern der Härte ist Weichheit und umgekehrt, im Innern des Großen ist das Kleine, im Vorwärts ist ein Rückwärts enthalten, im Oben ein Unten usw. Dieser jeweils kleine Teil des Gegensätzlichen im Anderen ermöglicht den raschen Wechsel einer Bewegung in ihr Gegenteil. Von außen ist dies nicht wirklich wahrnehmbar.

Der vierte Kreis – Konzentration auf das Wesentliche, den Kern, das Innere

Vierter Kreis

Auf dieser nächsten Stufe der Entwicklung gibt es keine Absicht mehr. Alles entsteht aus dem Anderen heraus. Der Körper fließt und fühlt sich an wie Wasser. Alle Bewegung gleicht einem Möglichkeitsraum. Der Andere erzeugt ohne mein Zutun meine weitere Handlung. Die Dinge geschehen durch ihre Absichtslosigkeit. Im Kreis laufen Yin und Yang nun in spiralförmigen Wellen ineinander – die Trennung verfließt. Von außen sichtbar ist lediglich sehr viel Ruhe. Es geht darum, die eigene Absicht zu vergessen – dies ist die Stufe der Geistesklarheit.

Der fünfte Kreis – Transformation

Fünfter Kreis

Auf dieser letzten Stufe gibt es keine Polarität mehr, alles ist, alles bleibt absichtslos. Es gibt kein Denken mehr – alles geschieht. Körper und Geist sind von Leere erfüllt.

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