Körper und Geist

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Heinz Günter Saemann

Seit langem beschäftigt mich beim Üben des Taijiquan das harmonische Miteinander von Körper und Geist. Die Fragen meiner Schüler zeigen mir, dass es auch bei vielen von ihnen ein immer wiederkehrendes Thema ist.

Wir wissen, dass das Üben des Taijiquan positiv auf den Körper und seine Funktionsabläufe wirkt. Die Muskeln werden gestärkt, Sehnen und Bänder sanft gedehnt, die Durchblutung wird gefördert. Durch den harmonischen Energiefluss wird die Funktion der inneren Organe gekräftigt. Die ruhige und tiefe Atmung führt zu einer vermehrten Sauerstoffaufnahme.

Immer wieder kommt es vor, dass Taijiquan mit dem Begriff »Sport« in Verbindung gebracht wird. Seit fast 30 Jahren übe und unterrichte ich Taijiquan und kann mit dieser Bezeichnung nichts anfangen. Natürlich stärken viele Sportarten den Körper und schulen den Willen. Den Willen zu siegen oder eine bestimmte Leistung zu erbringen. Doch was bleibt danach übrig? Die Kraft und die Anmut der Bewegungen scheinen plötzlich zu erstarren. Immer wieder beobachte ich diese Veränderung, wenn ich verschiedene Sportveranstaltungen verfolge. Eine rein körperliche Übungspraxis ohne harmonisches Zusammenwirken von Geist und Körper macht starr und wirkt auf die Dauer erschöpfend.

Im Gegensatz dazu sehe ich im Taijiquan eine Bewegungssystem, das es mir ermöglicht, nicht nur den Körper zu kräftigen, sondern auch meinen Geist zu kultivieren. Nicht umsonst wird Taijiquan seit Alters her zu den Künsten gezählt. Und schon darin beginnt es sich vom Sport zu unterscheiden. Als Bewegungskunst ermöglicht mir das Taijiquan, nicht nur den Körper, sondern auch das Innere zu bewegen. Deutlich wird dies in den sechs Harmonien. In den ersten drei Harmonien übe ich die Verbundenheit meiner Gelenke. Schulter- und Hüftgelenk, Ellenbogen- und Kniegelenk, Hand- und Sprunggelenk verbinde ich zu einem harmonischen Miteinander. Alle Teile des Körpers werden dadurch verbunden und koordiniert. Die drei inneren Harmonien verbinden meinen Geist und meine Vorstellungskraft mit meiner entspannten Muskelkraft und der mir innewohnenden Energie zu einer Einheit. Die fließenden Bewegungen eröffnen mir einen Weg zur meiner persönlichen inneren Kraft, durch die ich lebendig und voller Freude an meiner Entwicklung arbeiten kann. Immer wieder muss ich beim Üben meine momentanen Grenzen erkennen und sie akzeptieren. Ich setze mich mit mir auseinander. Die regelmäßige Übungspraxis und eben diese Auseinandersetzung unterstützen mich auf meinem Weg. Nicht immer fällt es mir leicht, und ich bin froh, mir im Laufe der Zeit eine Übungsdisziplin erworben zu haben. Doch jedes Fortschreiten – und sei der Schritt auch noch so klein – zeigt mir, dass es sich lohnt.

Wenn wir in Bewegung bleiben und das nicht nur körperlich, entwickelt sich in uns eine wunderbare Lebendigkeit. In ihr zeigt sich die Magie des Taijiquan. Ich wünsche Euch diese magischen Momente und Freude beim Üben.

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