Klarheit

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Heinz Günter

»Aus der Stille erwächst die Klarheit,
die uns staunen lässt.«

Beim Lesen dieser Worte zu einem Gedicht von Johanna spürte ich eine tiefe Ruhe und für einen Augenblick empfand ich eine Stille, von der ich getragen wurde. Ich fühlte, dass es die Stille ist, aus der heraus die Klarheit geboren wird. Sie ist mehr als Verstandesdenken. Klarheit bedeutet tiefes Empfinden.

Wir wünschen uns Klarheit für unser Leben. Doch häufig hindern uns unsere Trägheit oder Ängste daran, sie zu erkennen. Wir suchen sie in äußeren Dingen, obwohl wir in der Tiefe unseres Herzens wissen, dass wir sie nur in der Stille unseres Selbst finden können. Wenn es still in uns geworden ist, wenn uns Ängste, Sorgen und Emotionen nicht mehr erreichen, werden wir durchdrungen von Klarheit, die uns wie ein nach Leben duftender Frühlingsmorgen willkommen heißt.

Als ich nach drei Jahren meinen Lehrer Meister Yang Zhen He wiedersah und mit ihm Taijiquan praktizierte, erkannte ich die Klarheit in seinen Bewegungen. Öffnen, schließen, nach vorne stoßen, zurückziehen, ausweichen, zentriert sein; alle seine Bewegungen flossen ineinander, verwoben sich und lösten sich wieder auf. Es gab kein Wenn und Aber, kein Vielleicht, nur diesen Mann und seine Klarheit, die ihren Ausdruck in seiner Taijiquan-Form fand. Für mich führt der Weg zur Klarheit über das Üben des Taijiquan. Folge ich seinen Prinzipien und erforsche die Energiequalitäten der 13 Bewegungen, dann wird die Klarheit nicht nur äußerlich sichtbar und erlebbar, sondern durchdringt mein ganzes Wesen. Ich empfinde sie und erkenne darin die Klarheit der Schöpfung.

Ich freue mich auf die Aufgabe, die noch vor mir liegt und bin dankbar, an mir arbeiten zu dürfen. Ich wünsche euch Begegnungen mit Menschen wie Meister Yang, die euch durch ihre Lebensweise Mut geben, den Weg zu eurer Klarheit zu finden. Darin möge euch das Erlernen des Taijiquan eine Stütze sein.

Stille

am

Heinz Günter

»Die Freiheit liegt nicht außen,
die Freiheit lebt in der Stille deiner selbst.«

Das Gedicht der chinesischen Lyrikerin Chao-Hsiu Chen drückt meine Sehnsucht nach innerer Stille aus, aus deren Kraft heraus sich alles bewegt. Die Zeit der Stille ist für mich der frühe Morgen und ich erlebe sie beim Üben des Taijiquan. Die klare frische Luft des Morgens. Kein Geräusch dringt ans Ohr. Ich spüre meine Energie, die nach der Trägheit der Nacht in Bewegung kommt, meinen Körper durchdringt und erfrischt. Ich entdecke mich selbst und empfinde meine Verbundenheit mit der Schöpfung. Beim Üben der Taijiquan-Formen bewege ich mich aus der Stille heraus. Innere Bewegung wird durch die Formen im Außen sichtbar. Taijiquan ist Bewegung in Stille und bewegte Stille. Sie ist der Ursprung und die Vollendung. In ihr existiert der Anfang und das Ende. Ich beginne die alten daoistischen Meister zu verstehen, für die Stille die Quelle von Bewegung und Klang war.

Die vielfältigen Möglichkeiten der Kommunikation, durch die wir jederzeit und überall erreichbar sind, die ständige Berieselung durch Radio, Fernsehen und Internet und das Aktiv-sein-Müssen lassen uns keine Zeit, die Stille zu finden. Wir werden bewegt, lassen uns bewegen. Innere Kraft und Harmonie gehen verloren.

Ich bin überzeugt davon, dass jeder von uns sein Lied in sich trägt. Töne, die aus der Stille heraus entstehen. Schwingungen, die uns tragen. Lernen wir wieder, nach innen zu hören, dann erkennen wir in der Stille unseres Herzens uns selbst. Wir wissen, dass wir alles haben, was wir brauchen. Dieses Wissen befreit uns, macht uns frei.

Ich wünsche euch Zeiten der Stille und dass euch eure Lieder durchs Leben tragen mögen.

In der Mitte sein

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Heinz Günter

Vor kurzem sagte eine Schülerin zu mir, sie wisse jetzt, was es heißt, »außer sich« zu sein: es heißt, seine Mitte zu verlieren. Jeder von uns kennt das Gefühl, plötzlich seine Stabilität, seine Erdung zu verlieren. Wir stehen dann außerhalb unserer Kraft und Stärke.

Wir leben in einer Zeit, die vom Streben nach materiellem Reichtum bestimmt wird, in der wir mit Informationen überhäuft werden und in der alles analysiert wird. Wir verlieren dadurch das Empfinden für das harmonische Ganze, das die Schöpfung durchdringt. Wir unterteilen unser Leben in verschiedene Bereiche und vergessen dabei, dass diese doch nur verschiedene Aspekte unseres Seins sind. Der Kreislauf des Lebens bietet uns die Möglichkeit für ein geistiges und harmonisches Wachstum und bedarf keiner Unterteilung oder Trennung.

Beim Üben des Taijiquan empfinde ich keine Trennung. Für mich sind Hand-, Waffen- und Partnerformen ohne Bedeutung, denn egal welches System oder dessen Varianten ich übe, es unterstützt mich dabei, in der Harmonie zwischen Himmel und Erde zu schwingen. Ich übe, in meiner Mitte zu sein, und fühle mich nicht außerhalb der Schöpfung.

Viele meiner Schülerinnen uns Schüler empfinden dies ebenso. Mein Respekt und meine Achtung gelten ihrer Beharrlichkeit, mit der sie den Weg des Taijiquan gehen.

Für das Jahr des Drachen wünsche ich euch, eurer Kraft, eurer Schönheit und eurem inneren Reichtum bewusst zu werden. Und wenn ihr einmal außer euch seid, eure Mitte wieder zu finden.

Vielfalt durch Üben

am

Heinz Günter

Seit Jahren fasziniert mich die Vielfalt des Taijiquan. Am Anfang lernte ich die Bewegungsabläufe der Handform und nach und nach kamen verschiedene Partner- und Waffenformen hinzu. Ich spürte, dass mein Körper beweglicher wurde, genoss die sanfte Dehnung von Muskeln, Sehnen und Bänder, meinen Stand, der immer fester wurde, und nahm die Verbundenheit meiner Füße mit der Erde wahr. Ich entdeckte Fähigkeiten neu, die mir als Kind so selbstverständlich waren. Mit Freude an der Bewegung, mit Lust auszuprobieren und spielend wiederholte ich einzelne Bewegungsabläufe, die mir besonders Spaß machten. Ich wurde zum Taiji-Spieler.

Eines Tages bemerkte ich, dass meine Bewegungen im Inneren beginnen und sich nach außen fortsetzen. Jetzt verstand ich: Taijiquan ist eine innere Bewegungskunst. Ich entdeckte die Vielfalt der einzelnen Bewegungsabläufe und verbesserte meine Technik. Und doch fehlte etwas.

An einem regnerischen Tag im Wudang-Gebirge nahm mich Meister Yang ZhenHe zur Seite und sagte: »Du übst schon jahrelang Taiji. Deine Lehrer haben dir ihr Wissen vermittelt und dich begleitet. Jetzt ist es an der Zeit, nicht mehr ihren Spuren zu folgen, sondern das zu suchen, was sie gesucht haben. Lass dich von deiner Empfindung leiten, überwinde die Grenzen der Technik. Dann wird Taiji zur Kunst. Die Technik ist wie ein Boot. Wohin du segeln willst, musst du bestimmen. Arbeite mit den Prinzipien des Taijiquan. Sie sind der Wind, der in deine Segeln bläst.«

Seit dieser Zeit entdecke ich das Taiji aufs Neue. Meine Bewegungen sind vielfältiger und harmonischer geworden. Das Üben hilft mir, mich in allen Lebensbereichen zu entfalten und für den Reichtum und die Vielfalt in der Schöpfung dankbar zu sein.

Viel Freude beim Spielen und Entdecken!
Heinz Günter